Stein des Anstoßes

Vom Umgang mit umstrittenen Denkmälern

Ute Holfelder

„Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler“, behauptete Robert Musil im Jahr 1927. Das berühmt gewordene Bonmot bezieht sich vermutlich auf eines der zahlreichen Personendenkmäler für Staatsmänner, Dichter und Künstler, die seit dem 19. Jahrhundert im öffentlichen Raum aufgestellt wurden. Es könnten aber auch die in ebenso großer Zahl existierenden Kriegerdenkmäler gemeint gewesen sein.

Nicht wahrgenommen zu werden steht der Idee, mit einem Denkmal an eine Person oder ein Ereignis zu erinnern allerdings diametral entgegen. Hervorgehoben aus der Umgebung sollen Denkmäler ja gerade auffallen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dennoch schleicht sich nicht selten ein Gewöhnungseffekt ein, so dass man im Alltag achtlos an Denkmälern vorbeigeht und sie kaum bewusst wahrnimmt. Erst wenn Einzelpersonen oder Gruppen der Gesellschaft Inhalte, die über ein Denkmal transportiert werden sollen, in Frage stellen, wird ein solches zum Stein des Anstoßes. Dann zeigt sich, dass Erinnerungszeichen wie Denkmäler zwar auf Vergangenes verweisen, aber in der Gegenwart verortet sind. Sie sind gleichermaßen symbolische wie materielle Einschreibungen in den öffentlichen Raum, die dazu dienen sollen, die Erinnerung an verdienstvolle Personen oder historische Ereignisse wachzuhalten.

Die Fragen danach, welche Personen für welche Verdienste geehrt und welche Ereignisse als erinnerungswürdig gelten sollen, führen mitten in die Gegenwart. Wer darf den öffentlichen Raum besetzen und damit eine als offiziell deklarierte Geschichte über die Vergangenheit erzählen? Welche Erinnerungen sollen im Gedächtnisraum einer Stadt präsent gehalten und welche Erinnerungskultur soll praktiziert werden? An diesen Fragen können sich Konflikte entzünden, die oft hoch emotional geführt werden und auf unterschiedliche Werte und politische Haltungen verweisen. So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob es heute noch opportun ist, Christoph Kolumbus öffentlich zu ehren – den Mann, der nicht nur Amerika entdeckt hat, sondern der letztlich auch für die Kolonialisierung des Kontinents und die bis heute andauernde Geschichte der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung steht? Denkmallandschaften sind Spiegel der Vergangenheit, das lässt sich beispielsweise auch daran ablesen, dass nur sehr wenigen Frauen Denkmäler gesetzt wurden. Sie sind aber zugleich Spiegel des Blicks auf die Vergangenheit und werden damit zu einem Zeugnis der Gegenwart.

Wie aber ist nun mit solchen Zeugnissen umzugehen, die nicht mehr in die Zeit passen oder die Teile der Gesellschaft für nicht mehr tragbar halten? Aus der Geschichte kennen wir verschiedene Umgangsweisen mit umstrittenen Denkmälern. Denkmalstürze, wie sie derzeit im Zuge der #BlackLiveMatters-Bewegungen stattfinden, sind der radikalste Versuch, sich überkommener Geschichtserzählungen im öffentlichen Raum zu entledigen und Aufmerksamkeit zu generieren. Insbesondere dann, wenn sich politische Machtverhältnisse verändern, stehen Denkmäler auf dem Prüfstand. So wurden nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zahlreiche Denkmäler geschliffen – das 1991 in Ostberlin entfernte Lenindenkmal ist nur ein prominentes von vielen weiteren Beispielen. In Budapest hingegen fand man eine Lösung, sich der Herrschaftssymbole des Staatssozialismus nicht gänzlich zu entledigen, und verlegte die Marx-, Lenin- und Stalinstatuen sowie weitere Denkmäler in den eigens hierfür eingerichteten Szoborpark. In dieser Sammlung, die auch unter dem Namen Memento-Park oder Denkmalpark firmiert, sind die ehemaligen Denkmäler zu Museumsobjekten mutiert.

Zwischen der Forderung von Denkmalkritiker*innen, dass „alles weg“ müsse, und Befürworter*innen, denen daran gelegen ist, dass „alles bleiben“ soll, um die Erinnerung an Vergangenes in ihrem Sinne zu bewahren, finden sich auch Lösungen, die kontroverse Diskussionen befördern und nicht beenden wollen. Kommentierungen von bestehenden Denkmälern etwa, zielen darauf ab, die Entstehungsgeschichte eines Denkmals zu erklären und in ihren historischen Kontext einzuordnen. Auf diese Weise wird dem Erinnerungszeichen ein Teil seiner Deutungsmacht entzogen und eine neue Bedeutung hinzugefügt. Ein solcher Zusatz kann durchaus im Widerspruch zum ursprünglichen Inhalt des Denkmals stehen. Er eröffnet verschiedene Perspektiven auf ein und denselben Sachverhalt und ermöglicht den Betrachter*innen, sich ihr eigenes Bild zu machen. Nicht zuletzt macht das Nebeneinander von Denkmal und dessen Kommentierung den gesellschaftlichen Dissens sichtbar.

Kunst ist ein häufig gewähltes Mittel, bestehende Denkmäler zu kommentieren oder Bedeutungen zu verschieben. Mit Kunst lässt sich zum einen auf die Materialität eines Denkmals antworten. Zum anderen erweitert Kunst die aufklärerische Absicht einer reinen Text-Kommentierung. Sie lädt zur Betrachtung ein und dazu, Fragen zu stellen, Assoziationen nachzuspüren und im besten Falle alte Denkmuster aufzubrechen. Ein Beispiel hierfür sind die im Sommer 2020 gesetzten Fußnoten zum Abwehrkämpferdenkmal am Silbersee bei Villach. Der dort geehrte Oskar Kraus war nicht nur Abwehrkämpfer, sondern in den Jahren 1938 bis 1945 auch der amtierende nationalsozialistische und antisemitische Bürgermeister der Stadt Villach. Der Kommentar zum Jahr 2002 vom Kärntner Abwehrkämpferbund gesetzten Denkmal wurde vom Historikerteam Lisa Rettl und Werner Koroschitz und dem Künstler Josef Popolorum gemeinsam entwickelt. Die Fußnoten setzen dem bestehenden Denkmal eine andere Erzählung entgegen, indem sie die historischen Hintergründe zur Person des auf dem Denkmal Geehrten über die wissenschaftlich-künstlerische Intervention vermitteln.

Das Klagenfurter Denkmal für die Verschleppten war von Beginn an ein Stein des Anstoßes, weil es nur die halbe Wahrheit berichtet. Es berücksichtigt nur eine Perspektive auf die komplexen historischen Geschehnisse bei Kriegsende 1945 und macht andere mit dem Ereignis unmittelbar zusammenhängenden Erfahrungen unsichtbar. Gerade der Klagenfurter Domplatz sollte aber für viele verschiedenen Erinnerungen und Erfahrungen, für erlittenes Leid und auch den vielfältigen antifaschistischen Widerstand stehen. Dabei geht es nicht nur um Kärntner Slowen*innen und Partisan*innen, sondern auch um Deserteure, Menschen mit Beeinträchtigungen, Sinti und Roma, Jüd*innen und Angehörige diverser Glaubensgemeinschaften. Die Haltung der Verweigerung und des Widerstandes gegen die Bestialität und Menschenverachtung des NS-Regimes ist im Klagenfurter Stadtraum nur unzureichend repräsentiert. Im Gegenteil: Viele Erinnerungszeichen (etwa in Form von Straßennamen) beziehen sich auf die Bereitschaft des Mitmachens, der Anpassung und des Ja-Sagens.

Um Koroška und Kärnten gemeinsam erinnern zu können, ist es an der Zeit, die in Stein gemeißelte Erzählung des Denkmals am Domplatz zu erweitern und den Horizont für eine gemeinsame Geschichte zu öffnen. Daher müssen zwingend auch Zeichen gesetzt werden, die die vielfältigen historischen Erfahrungen der Unterdrückung und der Ausgrenzung einer Vielzahl von Kärntner*innen aufgreifen und verhandelbar machen. Die Entschuldigung des Bundespräsidenten Alexander van der Bellen für die nicht gewährten Rechte der Kärntner Slowen*innen kann dabei nur ein Anfang sein. In die Erinnerung eingeschlossen werden sollten noch viel mehr Menschen: Deserteure, Menschen mit Beeinträchtigungen, Jüd*innen, Partisan*innen, Antifaschist*innen unterschiedlichster Couleur, Gläubige und auch humanistisch eingestellte Wehrkraftzersetzer*innen und Saboteure der Nazi-Kriegsmaschinerie.

Eine künstlerische Arbeit könnte den für die Erfahrungen und das Handeln der vielen Anderen bisher geschlossenen Domplatz zu einem zentralen öffentlichen Raum für alle in Klagenfurt/Celovec werden lassen. Koroška & Kärnten gemeinsam erinnern – skupno ohranimo spomin.

Literaturauswahl
Frese, Matthias/Marcus Weidner (Hrsg.) (2018), Verhandelte Erinnerungen. Der Umgang mit Ehrungen, Denkmälern und Gedenkorten nach 1945. Paderborn: Schöningh.
Holfelder, Ute und Studierende des Studiengangs Angewandte Kulturwissenschaft (2020), Sprehod po Klagenfurtu 1920/2020 Spaziergang durch Celevoc. Klagenfurt/Celovec: Drava.
Holfelder, Ute/Schönberger (2020), Die Besetzung der Landschaft – Contentious Cultural Heritages in Kärnten/Koroška. Anmerkungen zur kulturellen Grammatik der Erinnerung an den 10. Oktober. In: Karl Anderwald/Kathrin Stainer-Hämmerle (Hrsg.): Kärntner Jahrbuch für Politik 2020. Klagenfurt/Celovec: Mohorjeva Hermagoras, S. 209-221.
Holfelder, Ute/Schönberger (2018), Ethnografisches und künstlerisches Forschen – von der Kooperation zur Ko-Produktion. In: Dies./Thomas Hengartner/Christoph Schenker (Hrsg). Kunst und Ethnografie – zwischen Kooperation und Ko-Produktion. Anziehung – Abstossung – Verwicklung: Epistemische und methodologische Perspektiven. Zürich: Chronos, S. 7-20; hier S. 7f.
Stachel, Peter (2007), Stadtpläne als politische Zeichensysteme. Symbolische Einschreibungen in den öffentlichen Raum. In: Ders./Rudolf Jaworksi (Hrsg.), Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich. Wien: Frank & Timme, S. 13-60.
Uhl, Heidemarie (2008), Denkmäler als Medien gesellschaftlicher Erinnerung. Die Denkmallandschaft der Zweiten Republik und die Transformationen des österreichischen Gedächtnisses. In: Regina Fritz, Carola Sachse, Edgar Wolfrum (Hrsg.): Nationen und ihre Selbstbilder. Postdiktatorische Gesellschaften in Europa. Göttingen, S. 62-89.

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